KiTa-Leitungskräfte stärken: Ein Modell zur bundeseinheitlichen Bemessung zeitlicher Leitungsressourcen

Wie viel Zeit benötigen KiTa-Leitungskräfte?

Eine allgemeingültige Antwort auf diese Frage gibt es wohl kaum. Jedenfalls kann das mit Blick auf die verschiedenen Modelle geschlossen werden, mit denen die zeitlichen Leitungsressourcen bemessen werden. So gibt es zum einen seitens einiger Länder Regelungen, die präzise festlegen, wie die Leitungszeit zu berechnen ist. Zum anderen existieren Empfehlungen von Verbänden oder auch wissenschaftliche Modelle, wie beispielsweise von Petra Strehmel, die das Spektrum zusätzlich erweitern. Und wie man sich denken kann, fällt die Höhe der Leitungsausstattung je nach Modell unterschiedlich aus.

Die Frage, warum es in dieser gesamten Gemengelage nun auch noch eines Modells der Bertelsmann Stiftung bedarf, ist durchaus berechtigt. Ihr kann allerdings mit einem genauen Blick auf die Modelle schnell begegnet werden. So zeigt sich nach einer Analyse der verschiedenen Regelungen und Empfehlungen, dass für eine bundesweite Bemessung keines der vorliegenden Modelle in Frage käme.

Was beinhaltet ein Bemessungsmodell?

Gehen wir zunächst einen Schritt zurück und betrachten, wie die verschiedenen Modelle aufgebaut sind. Grob unterscheiden sie sich in drei Punkten:

  1. in der Anzahl der Bestandteile, die sie umfassen.
  2. in der Wahl der Bezugsgröße (Anzahl der Kinder, Gruppen, Fachkräfte etc.) und
  3. in der Höhe der Kennziffer bzw. Stellenanteile, die in Kombination mit der Bezugsgröße schlussendlich die Höhe der zeitlichen Leitungsausstattung bestimmt.

Und all diese Punkte haben einen bestimmten Effekt auf die Wirkung der Leitungsbemessungsmodelle:

So bestimmt die Höhe der gewählten Kennziffer bzw. Stellenanteile selbstverständlich die Höhe der letztendlichen Leitungsausstattung. Die Anzahl der Bestandteile eines Modells hat Einfluss darauf, wie leicht ein Modell anzuwenden ist und welchen administrativen Aufwand es nach sich zieht. Und die gewählte Bezugsgröße bestimmt, inwiefern die unterschiedlichen Bedingungen in den KiTas (Personalschlüssel, Gruppenstrukturen, Betreuungszeiten etc.) mit berücksichtigt werden. Hierzu ein kurzes Beispiel:

Die Verordnung zur Ausführung des Saarländischen Kinderbetreuungs- und -bildungsgesetzes schreibt im §12 Abs. 1 u.a., dass die Einrichtungsleitung „für jede Gruppe mindestens sechs Stunden wöchentlich von der Arbeit in der Gruppe freizustellen“ ist. Stellen Sie sich nun zwei KiTas vor: In beiden wird die gleiche Anzahl an Kindern von derselben Anzahl an Fachkräften betreut. Ein entscheidender Unterschied besteht allerdings: Die Einrichtungen arbeiten mit unterschiedlichen Gruppenstrukturen. Daraus folgt, dass KiTas mit einem offenen Gruppenkonzept bzw. mit Gruppen, in denen mehr Kinder betreut werden, stets eine geringere Leitungsausstattung erhalten, obwohl der Leitungsaufwand in beiden KiTas identisch ist.

Um allerdings zu gewährleisten, dass allen KiTas in Deutschland eine ähnliche und ausreichende Leitungsausstattung zur Verfügung steht, mit der die Einrichtungen professionell geführt und geleitet werden können, empfiehlt die Bertelsmann Stiftung eine bundesweit einheitliche Bemessung der zeitlichen Leitungsressourcen, die genau solche unbeabsichtigten Steuerungsmechanismen mit berücksichtigt und demnach eine bundesweit faire Leitungsausstattung garantiert.

Wie ist das Bemessungsmodell der Bertelsmann Stiftung aufgebaut?

Bei der Entwicklung unseres Bemessungsmodells setzten wir uns fünf Prämissen, die für den Prozess leitend waren. So wollten wir ein Modell entwickeln, dass:

  • den Einrichtungen eine verlässliche Grundausstattung für Leitungstätigkeiten zur Verfügung stellt,
  • den erhöhten Leitungsaufwand durch eine wachsende KiTa-Größe mit berücksichtigt,
  • bundesweit einsetzbar ist,
  • die unterschiedlichen Bedingungen in den KiTas mit berücksichtigt und
  • leicht anwendbar ist und einen geringen administrativen Aufwand nach sich zieht.

Nach diesen Prämissen entwickelten wir ein Bemessungsmodell, das sich aus zwei Bestandteilen zusammensetzt:

Bei dem ersten Bestandteil handelt es sich um eine Grundausstattung von 20 Wochenstunden für jede KiTa unabhängig ihrer Größe. So ist auch nach dem wissenschaftlichen Modell von Petra Strehmel eine Grundausstattung von 20 Wochenstunden notwendig, um den in jeder Einrichtung anfallenden Leitungstätigkeiten professionell nachkommen zu können. Betrachtet man die momentane Situation in den KiTas, zeigen die Daten der KJH-Statistik, dass fast 50 % aller KiTas (ohne Berücksichtigung der Horte) noch nicht einmal über diese Grundausstattung für Leitungs- und Verwaltungsaufgaben verfügt. Da allerdings jede KiTa nach den identischen Verantwortungsbereichen geleitet werden muss, ist eine solche Grundausstattung notwendig.

Der zweite Bestandteil stellt einen variablen Anteil dar. Dieser ist notwendig, da sich der Leitungsaufwand in unterschiedlichen Verantwortungsbereichen (Zusammenarbeit mit Eltern, Personalmanagement und Teamführung, Betriebsführung und Verwaltung etc.) durch verschiedene Personengruppen (Fachkräfte, Kinder, Eltern etc.) erhöht. Alle landesrechtlichen Bemessungsregelungen sehen einen solchen variablen Anteil vor. Die Berechnung ist allerdings sehr unterschiedlich. Mal mit einer Kennziffer und einer Bezugsgröße wie es beispielsweise in Thüringen der Fall ist (0,01 Vollzeitstellen je Kind) oder es werden mehrere Bezugsgrößen mit einbezogen, wie es beispielsweise in Hamburg vorgesehen ist (Eingliederungshilfe, Alter und Betreuungszeit der Kinder). Um den administrativen Aufwand bei der Anwendung des Modells so gering wie möglich zu halten und es leicht anwendbar zu machen, beschränkt sich die Berechnung des variablen Anteils im Bemessungsmodells der Bertelsmann Stiftung auf lediglich eine Kennziffer und eine Bezugsgröße – die der Ganztagsbetreuungsäquivalente.

Was sind eigentlich Ganztagsbetreuungsäquivalente?

Der Begriff – Ganztagsbetreuungsäquivalente – klingt zunächst zwar sehr sperrig und kompliziert, lässt sich aber leicht erklären. Zunächst handelt es sich hierbei um eine rechnerische Größe. Um diese zu bestimmen, werden die Betreuungswochenstunden aller Kinder einer KiTa summiert und durch 40 geteilt. Diese rechnerische Größe darf folglich nicht mit der realen Anzahl ganztagsbetreuter Kinder gleichgesetzt werden. Der Vorteil dieser Bezugsgröße ist, dass sie sowohl die Anzahl der Kinder (durch die Betreuungswochenstunden) und die Anzahl der Fachkräfte indirekt mit berücksichtigt, da die Ganztagsbetreuungsäquivalente mit der Personalausstattung in Beziehung stehen. Somit werden KiTas mit einer ungünstigeren Personalausstattung oder mit einer hohen Anzahl an Kindern mit langen Betreuungszeiten nicht benachteiligt, indem sie weniger Leitungsausstattung erhalten.

Und warum nun genau 0,35 Wochenstunden pro Ganztagsbetreuungsäquivalent? Die Höhe dieser Kennziffer haben wir in Anlehnung an das wissenschaftliche Modell von Petra Strehmel veranschlagt. Mit Anwendung ihrer Berechnungsformel erhält man einen ähnlichen Ressourcenbedarf – nur dass das Modell der Bertelsmann Stiftung deutlich leichter anzuwenden ist, da es nicht die „besonderen Bedarfe“ wie beispielweise Eingliederungshilfe im Modell mit berücksichtigt.

Warum werden keine „besonderen Bedarfe“ im Bemessungsmodell der Bertelsmann Stiftung berücksichtigt?

Die Entscheidung, keine „besonderen Bedarfe“ in das Modell mit aufzunehmen, ist eine sehr bewusste Entscheidung. Zum einen hätte die Aufnahme zusätzlicher Variablen die Anwendung des Modells erschwert und einen höheren administrativen Aufwand nach sich gezogen. Zum anderen stellt sich die Frage, ob die „besonderen Bedarfe“ überhaupt einen erhöhten Arbeitsaufwand auf Seiten der Leitungskräfte oder eher seitens der Fachkräfte nach sich ziehen? Welche „besonderen Bedarfe“ sollten berücksichtigt werden und anhand welcher Merkmale werden sie bestimmt? Unseres Erachtens müssen zunächst diese Fragen geklärt werden, um zu entscheiden, ob es sinnvoll ist, das Bemessungsmodell um weitere Variablen zu erweitern. Neben dieser Einschätzung sind wir der Ansicht, dass die Aufnahme weiterer Variablen eine Form der Übersteuerung des Systems darstellt. Wobei sich die Frage stellt, ob der damit verursachte Mehraufwand wirklich in Relation zu dem steht, was schlussendlich damit erreicht wird.

Ein weiterer und letzter Punkt ist bei unserem Bemessungsmodell noch zu berücksichtigen und zwar die von Einrichtung zu Einrichtung sehr unterschiedliche Ausgestaltung der Aufgabenteilung zwischen KiTa und Träger. Daher empfehlen wir, dass maximal bis zu 20 % von der empfohlenen Leitungsausstattung für Verwaltungstätigkeiten abgezogen werden können.

 

Wendet man nun das Leitungsbemessungsmodell der Bertelsmann Stiftung für eine KiTa mit rechnerisch 40 ganztagsbetreuten Kindern an, bedeutet dies eine empfohlene Leitungsausstattung von 34 Wochenstunden.

In unserer Broschüre „Qualitätsausbau in KiTas 2017“  haben Sie die Möglichkeit, noch weitere konzeptionelle Erläuterungen zu unserem Modell nachzulesen. Zudem erfahren Sie dort, wie viele Leitungskräfte nach unserer Empfehlung in Ihrem Bundesland fehlen.

In unserem nächsten Blogbeitrag aus der Schwerpunktreihe KiTa-Leitung  stellen wir weitere Möglichkeiten dar, wie Leitungskräfte in ihrer Position gestärkt werden können. Schließlich braucht es mehr als nur Zeit, um eine KiTa professionell führen und leiten zu können.



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